Wissen als Schutzschild vor eigenem Fehlverhalten

Kapitalismus ist schlecht. Das ist jetzt kein Geheimnis und selbst wenn die ganzen Probleme mit der Ungleichheit nicht wären, kann ein System, das auf Wachstum beruht, in einer Welt mit begrenzten Ressourcen einfach nicht funktionieren.

Aus diesem Wissen folgern manche: Ich kaufe nur noch Second Hand, lebe allgemein wie ein Asket und am Ende sieht man diese Leute barfuß am Kotti spazieren und stellt fest: Hehres Ziel, aber offensichtlich auch nicht die Lösung. Erstens will man ja auch nicht leben wie in der Steinzeit und auch wer sich sein Deo im Mörser selbst anrührt, muss an irgendeinem Punkt eben doch Dinge kaufen, deren Ursprung eigentlich nicht moralisch vertretbar ist.

Der moderne Antikapitalist steht also in der moralischen Zwickmühle und wird dann gerne ausgelacht, weil er ein iPhone besitzt. Wie dumm dieses Argument ist, muss nichtmal erklärt werden, das macht dieser Webcomic schon ziemlich perfekt.

Doch hier kommt die Krux: Die Erkenntnis, dass es keinen ethischen Konsum im Kapitalismus gibt, ist lähmend. Die Aussage ist komplett richtig und es bleiben zwei Möglichkeiten: Barfuß am Kotti spazieren gehen und auch sonst allen schönen Dingen entsagen, oder das Spiel eben mitspielen, auch wenn man dadurch hilft, die Welt zu einem schlechteren Ort zu machen.

Natürlich wählen die meisten Menschen Option zwei – es ist ja auch keine echte Wahl. Das Problem ist, wenn diese Entscheidung zu einer Art Schutzschild wird. »Es ist scheiße, aber auch ich muss mein Leben leben und was kann man schon machen.« Hier ist der Punkt, an dem Graustufen ins Spiel kommen. Es gibt vielleicht keinen ethischen Konsum, aber eben schon sehr wohl ethischeren.

Das soll nicht heißen, dass alle im Biomarkt einkaufen sollen. Natürlich wäre das für die Welt besser, aber das ist schon rein finanziell unrealistisch. Doch es gibt genügend Stellschrauben, an denen man drehen kann, ohne an Lebensqualität einzubüßen.

Wir wissen, dass Jeff Bezos gerne in Geldspeichern schwimmt und wenn seine Angestellten deshalb nicht aufs Klo gehen können und in Flaschen pinkeln müssen, dann ist das eben so. Wir wissen, dass Spotify mit Joe Rogan einen Borderline-Coronaleugner, der auch schonmal Alex Jones einlädt, 100 Millionen Dollar gibt.

Aber Amazon ist nicht ohne Konkurrenz. Selbst wenn ich nicht für alle Produkte neue Shops finden will: Ich kann einfach Suchmaschinen wie Idealo nutzen, finde denselben Artikel im Zweifel sogar noch günstiger, als bei Amazon und die meisten Anbieter ermöglichen sogar über die Preissuchmaschine zu kaufen, das heißt es braucht nichtmal 20.000 Kundenkonten auf allen möglichen Webseiten.

Der Musikkatalog von Spotify unterscheidet sich (fast) nicht von dem von Tidal, Apple Music, Youtube Music und Deezer. Noch besser: Die alle schütten mehr von denselben 10 Euro pro Monat an die Musiker:innen aus, als Spotify es tut.

Natürlich ist bei Mediamarkt/Saturn einkaufen ethisch immer noch fragwürdig. Apple, Jack Dorsey (dessen Firma Square Tidal mittlerweile gehört) oder Google Geld geben führt sich auch Mist an. Aber es ist halt besser als das Monopol zu unterstützen. Es ist ethischER, nicht ethisch. Und das ist ja schonmal was.