Der goldene Käfig

Es fällt mir fast schwer, dieses Wort in den Mund zu nehmen, aber wir müssen über Freiheit sprechen. Eine Freiheit, die gerade die Millennial-Generation stark geprägt hat, die mit Computern aufgewachsen ist. Es geht um Software, das Open Web und Entscheidungsfreiheit.

Fangen wir bei einem griffigen Beispiel an: Musik. Klar haben wir die Freiheit, welchen Streamingdienst wir verwenden. Apple Music, Spotify, Deezer, Tidal … alle haben ihre eigenen Vor- und Nachteile. Doch wir sind an diese Auswahl gebunden und Alternativen wird es nicht so schnell geben. Denn wer heute in den Streamingmarkt einsteigen will, muss Millionen mitbringen. Die App muss programmiert, die Lizenzen ausgehandelt und das Cloudbackend angemietet werden.

Kein Hobbyprogrammierer wird also eine neue App zum Musikhören produzieren können. Denn wer auf Spotifys Katalog zugreifen möchte, muss auch Spotifys App benutzen. Ein Webview-Interface das zwar nicht gut aussieht und auch nicht sehr übersichtlich ist, aber funktioniert. Apples Interface ist hübscher, hat einige wertvolle Features, vergisst aber manchmal, ob es denn tatsächlich Musik abspielen darf. Gut ist nichts davon.

Es gibt nicht die eine App für alle

Früher hätte man sich an dieser Stelle Winamp installiert. Oder VLC. Oder eine von tausend anderen möglichen Playern. Denn die Musik als MP3 auf der Festplatte und jeder, der wollte, konnte eine App schreiben, die auf diese Files zugreifen kann. Das wäre auch heute noch möglich, wenn die Streamingdienste APIs anbieten würden, auf die Drittplayer zugreifen können. (Ja, im kleinen existiert das.)

Dasselbe ließe sich über Netflix, Prime Video oder Disney+ sagen. Die Videostreamer verstecken immer gerne die Sektionen, die man eigentlich bräuchte (wie zum Beispiel der Ort, wo man seine Serie einfach weiter schauen kann) – weil das nach eigenen Messungen mehr »Engagement« gibt. Ich will aber nicht mehr mit der App engagen, ich will einfach nur da weitermachen, wo ich gestern aufgehört habe.

Das geht aber nunmal gegen das Businessmodell aller Streamingdienste, weshalb niemand Dritt-Player zulassen will, die die User:innen sich aussuchen könnten – und die von kleinen Indie-Teams umsetzbar wären, weil sie sich eben nicht um die Lizenzen und das Backend kümmern müssen.

Es ginge so viel besser

Das beste Gegenbeispiel sind Podcasts, die noch im offenen Web angesiedelt sind (bis Spotify und Co. das unweigerlich ruinieren werden). Weil hier das Backend losgelöst vom Player funktioniert, kann ich Overcast benutzen, das von einem einzigen Entwickler umgesetzt wird. Ein Freund von mir mag aber Overcast überhaupt nicht und setzt dagegen auf Castro – eine weitere App von einem Indie-Team.

Und dieses Modell hat noch einen Vorteil: Weil es nur ein paar Leute braucht, um so eine App zu programmieren, muss sie auch nicht so viel Geld generieren. Das heißt man kann spezialisierte Tools bauen, die Nischeninteressen bedienen und statt Einheitsware kann jede:r sich genau den Podcast-Client installieren, der am besten gefällt.

Für User:innen hat dieses System nur Vorteile. Doch Unternehmen wie Apple, Spotify und Netflix rentieren sich nur, wenn ein Produkt Milliarden statt Hunderttausende oder Millionen pro Jahr generieren kann. Dazu muss eine App-Experience von vorne bis hinten kontrolliert werden, damit wirklich jeder Cent aus den Kund:innen herausgequetscht werden kann. Das Äquivalent zu Fressnapf, wo die Verkäufer:innen mir jedes Mal an der Kasse noch irgendeinen Quatschartikel aufschwatzen wollen, den ich nicht will und der meine Erfahrung im Laden schlechter macht – aber irgendeine Marktanalyse hat nunmal ergeben, dass sich so mehr Geld verdienen lässt. Und das ist alles, was für empathielose Großkonzerne zählt.

Großkonzerne stoppen

Kommen wir zum Internet. Dort war lange Zeit der Internet Explorer so dominant, dass ganze Webseiten dafür optimiert wurden. Dasselbe passiert heute mit Chrome. Manche Funktionen sind in Safari nicht verfügbar. Microsoft hat gleich ganz aufgegeben und seinen Internet Explorer-Nachfolger Edge auf dieselbe Basis wie Chrome gebaut. Wieder versucht ein Großkonzern, in diesem Fall Google, den Markt zu dominieren und alleine zu bestimmen, wo es lang geht.

Dabei muss das nicht sein. Es gibt sie, die offenen Standards, die offenen APIs. HTML 5 und Javascript sind so mächtig, dass gefühlt 80 % aller neuen Apps für PC und Mac darauf basieren (das ist auch ein Problem, aber ein anderes.)

Es wird Zeit, dass wir zurückkehren. Dazu braucht es kein Web3. Die Standards existieren und das seit Jahren. Es geht darum Apple, Google und den anderen Einhalt zu gebieten. Die Marktmacht wird zu groß und das nutzen sie aus. Und das kostet uns nicht nur Geld. Das macht unser Leben auch langweiliger. Wer heute einen Musikplayer mit Alienkopf will hat Pech gehabt. Wie wichtig Konkurrenz ist, sieht man im Smartphonemarkt, der in den USA und Europa schon Entschieden ist. Apple und Samsung haben gewonnen. In Asien hingegen existiert Konkurrenz und das Resultat ist Innovation und alberne Gimmicks. Spaß halt.

Ich weiß nicht, ob die Unternehmen zerschlagen werden müssen oder ob es reicht, als Konsument:in laut zu werden. Aber im Silicon Valley muss ein Umdenken stattfinden. Apple ist aktuell so Gewinngeil, dass sie einem sogar Werbung für die eigenen Produkte in den Settings-Screen spielen. Das ist eine beschissene User Experience für eine Firma, die sich sonst so als Hort für nutzungszentriertes Design inszeniert.

Ich will Auswahl. Ich will Freiheit. Die Freiheit, die ich früher einmal hatte und ganz langsam abgebaut wurde.

Wissen als Schutzschild vor eigenem Fehlverhalten

Kapitalismus ist schlecht. Das ist jetzt kein Geheimnis und selbst wenn die ganzen Probleme mit der Ungleichheit nicht wären, kann ein System, das auf Wachstum beruht, in einer Welt mit begrenzten Ressourcen einfach nicht funktionieren.

Aus diesem Wissen folgern manche: Ich kaufe nur noch Second Hand, lebe allgemein wie ein Asket und am Ende sieht man diese Leute barfuß am Kotti spazieren und stellt fest: Hehres Ziel, aber offensichtlich auch nicht die Lösung. Erstens will man ja auch nicht leben wie in der Steinzeit und auch wer sich sein Deo im Mörser selbst anrührt, muss an irgendeinem Punkt eben doch Dinge kaufen, deren Ursprung eigentlich nicht moralisch vertretbar ist.

Der moderne Antikapitalist steht also in der moralischen Zwickmühle und wird dann gerne ausgelacht, weil er ein iPhone besitzt. Wie dumm dieses Argument ist, muss nichtmal erklärt werden, das macht dieser Webcomic schon ziemlich perfekt.

Doch hier kommt die Krux: Die Erkenntnis, dass es keinen ethischen Konsum im Kapitalismus gibt, ist lähmend. Die Aussage ist komplett richtig und es bleiben zwei Möglichkeiten: Barfuß am Kotti spazieren gehen und auch sonst allen schönen Dingen entsagen, oder das Spiel eben mitspielen, auch wenn man dadurch hilft, die Welt zu einem schlechteren Ort zu machen.

Natürlich wählen die meisten Menschen Option zwei – es ist ja auch keine echte Wahl. Das Problem ist, wenn diese Entscheidung zu einer Art Schutzschild wird. »Es ist scheiße, aber auch ich muss mein Leben leben und was kann man schon machen.« Hier ist der Punkt, an dem Graustufen ins Spiel kommen. Es gibt vielleicht keinen ethischen Konsum, aber eben schon sehr wohl ethischeren.

Das soll nicht heißen, dass alle im Biomarkt einkaufen sollen. Natürlich wäre das für die Welt besser, aber das ist schon rein finanziell unrealistisch. Doch es gibt genügend Stellschrauben, an denen man drehen kann, ohne an Lebensqualität einzubüßen.

Wir wissen, dass Jeff Bezos gerne in Geldspeichern schwimmt und wenn seine Angestellten deshalb nicht aufs Klo gehen können und in Flaschen pinkeln müssen, dann ist das eben so. Wir wissen, dass Spotify mit Joe Rogan einen Borderline-Coronaleugner, der auch schonmal Alex Jones einlädt, 100 Millionen Dollar gibt.

Aber Amazon ist nicht ohne Konkurrenz. Selbst wenn ich nicht für alle Produkte neue Shops finden will: Ich kann einfach Suchmaschinen wie Idealo nutzen, finde denselben Artikel im Zweifel sogar noch günstiger, als bei Amazon und die meisten Anbieter ermöglichen sogar über die Preissuchmaschine zu kaufen, das heißt es braucht nichtmal 20.000 Kundenkonten auf allen möglichen Webseiten.

Der Musikkatalog von Spotify unterscheidet sich (fast) nicht von dem von Tidal, Apple Music, Youtube Music und Deezer. Noch besser: Die alle schütten mehr von denselben 10 Euro pro Monat an die Musiker:innen aus, als Spotify es tut.

Natürlich ist bei Mediamarkt/Saturn einkaufen ethisch immer noch fragwürdig. Apple, Jack Dorsey (dessen Firma Square Tidal mittlerweile gehört) oder Google Geld geben führt sich auch Mist an. Aber es ist halt besser als das Monopol zu unterstützen. Es ist ethischER, nicht ethisch. Und das ist ja schonmal was.

# zurück zum blog

seit jahren ärgere ich mich über mich selbst, wenn ich mal wieder nur einen schnellen gedanken auf twitter poste. oft mit tippfehlern und noch schlimmer: zu kurz und nur auf die pointe geschrieben.

auf der anderen seite steht der trend zum newsletter. durchdachte publikationen, die auch dazu dienen sollen, die eigene marke zu pushen und sehr in richtung professionelles schreiben gehen. das ist mir schon wieder zu viel. deshalb hoffe ich zurück zum mittelweg zu gehen – dem blog.

statt mich in zukunft auf twitter aufzuregen werde ich versuchen, wieder regelmäßig die sachen, die ich in threads relativ unüberlegt posten würde, auf eine durchdachtere art hier zusammenzutragen.

die motivation kommt jetzt, weil ich den letzten monat über @seidtgeist dabei beobachten konnte, wie er es geschafft hat, jeden tag einen kurzen blogpost abzusetzen. ich war ehrlich gesagt ein bisschen neidisch darüber, weil das ein sehr viel konstruktiverer weg ist, seine gedanken und überlegungen ins netz zu posten. also mache ich das jetzt nach.

hoffentlich.